Rezension: "Wing Commander - False Colors"

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Rezension: "Wing Commander - False Colors"

Beitrag von Arrow » Do 7. Mär 2019, 17:19

"Wing Commander False Colors" erschien in den USA 1998 bei Bean Books und ist der letzte Roman der klassischen Reihe. Als Autorenduo werden William H. Keith und William R. Fortchen genannt, obwohl es sich bei ersterem in Wahrheit um dessen Bruder Andrew Keith handelt. "False Colors" sollte ursprünglich im Verlag Bastei Lübbe unter dem Titel "Unter falscher Flagge" erscheinen, woraus jedoch aus unbekannten Gründen nichts wurde. Bis heute steht eine deutschsprachige Veröffentlichung aus, sodass man auf englische Gebrauchtausgaben aus dem Ausland angewiesen ist. Da die WC-Romane mittlerweile als E-Bücher neu aufgelegt worden sind, sollte eine Beschaffung ab sofort wieder leichter sein als in den Jahren zuvor.

Die Handlung ist zwischen den Spielen WC III und IV angesiedelt. Tatsächlich sollte "False Colors" der Auftakt einer Romantrilogie sein, die nach dem plötzlichen Tod des Autors Andrew Keith im Jahr 1999 aber nie vollendet wurde. William Forstchen hat an Wing Commander offenbar jedes Interesse verloren, und nach 18 Jahren kann man die Hoffnung auf eine Fortsetzung getrost aufgeben. Dies ist sehr bedauerlich, denn zum einen ist die interessante Zeitspanne nach dem Kriegsende ein fast unbeschriebenes Blatt, zum anderen macht das Trilogie-Fragment "False Colors" vieles richtig und weckt den Wunsch nach einer Auflösung. Die Stärke des Romans ist aufgrund der mangelnden Fortsetzung gleichermaßen seine Schwäche: Als Beginn von etwas Größerem funktioniert er gut, doch als Einzelwerk - und als solches ist er letzlich zu bewerten - bietet er schlicht zu wenig, bleibt etwas unrund. Dies betrifft vor allem eine entscheidende Figur aus den Spielen und den früheren Romanen: Admiral Tolwyn. Seine Wandlung vom loyalen Beschützer der Menschheit zum Verbrecher verlangte förmlich nach einer Behandlung in Schriftform. Kein Spiel hätte diese Binnenperspektive einnehmen können, und in WC IV war Tolwyns Wandlung längst abgeschlossen. Genau dieses Thema greift das Buch dankenswerter Weise auf, hält sich jedoch (noch) vornehm zurück.
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Handlungsabriss

Ende 2670: Der Krieg mit den Kilrathi ist beendet. Die Konföderation hat mit der Zerstörung Kilrahs den Sieg errungen, und die Kilrathi haben unter Melek, dem jetzigen Interims-Anführer, kapituliert. Allzu schnell wird ein großer Teil der terranischen Flotte eingemottet oder stillgelegt - die Regierung will nach 35 Jahren Krieg endlich ihre ersehnte Friedensdividende kassieren - und die besten Offiziere bangen bei halbem Sold um ihre berufliche Zukunft. Commodore a. D. Jason Bondarevsky (aus den Vorgängerromanen wohlbekannt) hofft auf eine neue Laufbahn in den quasi-unabhängigen Randkolonien der "Freien Republik Landreich". Auch Admiral Geoffrey Tolwyn schließt sich ihm an, da dessen Karriere in der konföderierten Flotte nach dem Verlust der Behemoth auf der Kippe steht. Ein Neuanfang in ungewissen Zeiten für beide. Im Landreich treffen die beiden Veteranen auf alte Bekannte aus Kriegszeiten, und es erwartet sie gleich eine große Operation: Das Wrack eines schweren Kilrathi-Trägers wurde entdeckt und soll für die Marine des Landreichs geborgen sowie flugtauglich gemacht werden. In den Randkolonien herrscht keine Friedensstimmung, denn ein Kriegsfürst der Kilrathi aus der dem Landreich angrenzenden Region möchte sich zum neuen Herrscher über alle Kilrathi ausrufen und sammelt scharenweise versprengte Untergebene um sich, die den Friedensvertrag von Torgo ablehnen. Er plant eine Invasion der Landreich-Systeme, um seinen Machtbereich zu vergrößern sowie, mit dem nötigen Ruhm ausgestattet, das Erbe des früheren Imperiums anzutreten. Der schwere Träger soll die Flotte des Landreichs verstärken, um einer solchen Bedrohung gewachsen zu sein. Der Plan der Menschen geht zunächst auf: Das Schiff kann in wochenlanger Schwerstarbeit wieder in Betrieb genommen werden. Die Lage verschlimmert sich, als Bekannt wird, dass der kilrathische Kriegsfürst einen Dreadnought des Imperiums in seine Gewalt bekommen hat. Der Auftrag lautet, mit dem erbeuteten Träger einen Überfall auf die feindliche Raumwerft vorzunehmen und das dort vor Anker liegende Ungetüm auszuschalten, sodass die drohende Invasion vereitelt wird. Tolwyn soll das Kommando über den geborgenen Träger erhalten, Bondarevsky soll dessen Geschwaderführer werden. Geflogen werden natürlich die vorhandenen Kilrathi-Jäger. Intrigen und Verschwörungen innerhalb der Konföderation gefährden das Vorhaben, denn irgendetwas ist hier faul. Ein geheimer Zirkel aus Militärs und Politik plant einen Putsch gegen die konföderierte Regierung ...


Dass in „False Colors“ keine weitere Schlacht um die Erde oder eine ähnlich große Militärkampagne im Vordergrund stehen würde, war natürlich von Anfang an klar. Der Krieg ist schließlich vorbei, das Imperium kollabiert, und die Randwelten des Landreichs versprechen höchstens einen örtlich begrenzten Nebenkonflikt. Da auch Admiral Tolwyn eine wichtige Rolle im Roman spielt, hofft man als Leser natürlich, mehr über seinen Wandel vom einstigen Helden der Konföderation zum paranoiden Faschisten in WC IV zu erfahren. Ist diese Entwicklung bereits abgeschlossen, oder findet sie hier etwa ihren Anfang? Wieso eilt Tolwyn erneut separatistischen Grenzkolonien zu Hilfe, wo er diese doch drei Jahre später mit Biowaffen und Krieg überziehen wird? Verfolgt er eigene Pläne, und falls ja, welche?

Natürlich spielen in FC politische Intrigen eine Rolle, und das mehr denn je. Machtverschiebungen werden allmählich deutlich, neue Bedrohungen kündigen sich an, und weitreichende Verschwörungen bilden den Hintergrund, vor dem sich der vergleichsweise simple Hauptplot um den Träger abspielt, der natürlich mit der Intrige irgendwie in Verbindung zu stehen scheint. Hier jedoch liegt der Hase im Pfeffer: Nach ungefähr drei Vierteln des Romans wird einem plötzlich klar, dass man lediglich den Auftakt einer weitaus größeren Geschichte verfolgt, die in einem Band allein überhaupt nicht zu erzählen ist. Wie bei einem Schachspiel werden hier die Figuren auf ihre Positionen gerückt, die ersten Schläge ausgetauscht, während die tatsächliche Strategie aller Spieler noch weitgehend undeutlich bleibt. In dieser Allegorie nimmt Admiral Tolwyn scheinbar die Funktion eines weißen Springers ein, obwohl man längst (mit Kenntnis von WC IV) annehmen muss, dass er wohl eher der König der schwarzen Seite ist. Doch genug vom Schach; der Roman lässt sich unglaublich viel Zeit, bevor das scheinbare Finale mit klassischer Weltraumaction in Gang kommt. Dies ist natürlich wie immer spannend erzählt und teilweise wird es sehr wohl auch tragisch, doch nimmt dieser Teil relativ wenig Umfang in Anspruch. Im Mittelteil kommt es sogar zu einigen unnötigen Längen, da die Reaktivierung des Trägers allzu umfangreich geschildert wird. Als sich nach über 400 Seiten die (vermeintlichen) Hauptkontrahenten endlich gegenüberstehen, wird man leider etwas enttäuscht. Die Narration stoppt quasi, die Entscheidungsschlacht wird vorerst abgeblasen und die Erzählung erst im sicheren Heimathafen fortgesetzt. Man möchte am Ende das Buch befriedigt zuklappen und ausrufen: „Das geht schon mal gut los, mehr davon!“, doch nach all den Jahren ohne Fortsetztung gibt es da leider keinen Grund für Optimismus. Ein interessanter Prolog für eine noch interessantere Geschichte wurde hier abgeliefert, und dieser hängt nun wohl für immer in der Luft.
Völlig im Dunkeln über die Vorgänge bleibt man freilich nicht: Ein Teil der Verschwörung wird dem Leser in den 470 Seiten des Buches sehr wohl offenbart. Es gärt innerhalb der Konföderation: Eine Verschwörerclique plant einen Militärputsch, und das Mittel dazu ist ein neuer Konflikt. Klingt wie eine Vorwegnahme der WC IV-Handlung, doch die Sache ist hier noch wesentlich komplizierter. Tolwyn ist der eigentliche Schattenmann in "False Colors, obwohl er (noch) nicht die zentrale Figur ist. Seinen Mitstreitern gegenüber ist er, wie in den früheren Romanen, der väterliche Kommandeur und Mentor, an dessen Redlichkeit kein Zweifel besteht. Tolwyn ist fest überzeugt davon, die Konföderation zu schützen. Einen Putsch bzw. eine Militärdiktatur, so offenbart er seinem engsten Vertrauten Bondarevsky unter vier Augen, will er unter allen Umständen verhindern. Die Verschwörer würden die Machtergreifung eines Kilrathi-Warlords insgeheim unterstützen, damit dieser schließlich einen Feldzug gegen die Terraner der Landreich-Republik unternimmt. Die öffentliche Meinung würde dann gegen die Regierung umschlagen und den Umstürzlern den nötigen Vorwand zum Putsch liefern. Danach würde man erneut den Krieg erklären und die Kilrathi endgültig niederwerfen, während die aufsässigen Landreich-Kolonien praktischerweise gleich mit ausgeschaltet würden. Tolwyn will dieses Vorhaben unterlaufen, indem er dabei hilft, dem Landreich-Militär zu einem Träger zu verhelfen, der die Verteidigungsfähigkeit stärken soll. Das ist jedoch noch nicht alles: Unter den Überlebenden der Trägerbesatzung befindet sich ein adliger Kilrathi mit legitimem Thronanspruch, der natürlich zu schützen ist, da er zur friedlichen Koexistenz mit den Menschen bereit ist. Die Putschisten wiederum wollten diesen Störenfried am liebsten aus dem Verkehr ziehen. Tolwyns Plan dient scheinbar dem Frieden, könnte man meinen, doch die Binnenperspektive, die der Roman an mehreren Stellen einnimmt, in denen Tolwyn mit sich hadert, lassen anderes vermuten: Der Verschwörungsplot wird immer verschachtelter, denn Tolwyn hat weitreichendere Pläne, die bereits Richtung WC IV weisen. Das "Genetische Optimierungsprogramm" wird erwähnt, mit dem skrupellose Supersoldaten erschaffen werden. Tolwyn plant etwas ganz anderes, und wenn er auch mit seinem Gewissen ringt, Bondarevsky einzuweihen, scheinen für ihn die Würfel längst gefallen zu sein. Doch was plant er wirklich? Hier bleibt vieles widersprüchlich, wenn man sich Tolwyns Plan aus WC IV ins Gedächtnis ruft. Dort wollte er einen Krieg gegen widerspenstige Randkolonien anzetteln, die er in "False Colors" scheinbar unterstützt.
Aber auch die vermeintliche Gegenseite, die Kilrathi, kommen in FC sehr wohl zu ihrem Recht. Als jemand, der sich schon immer für die vom Autor Forstchen maßgeblich mitentwickelte Kultur der Kilrathi sehr interessiert hat, habe ich mit Spannung verfolgt, was mit dem einstigen Imperium nach der Zerstörung Kilrahs geschehen ist. Hier kommt man sehr wohl auf seine Kosten, denn Friedensengel sind die Katzen in ihrer Gesamtheit keineswegs geworden. Dass nicht alle Kilrathi den vermeintlichen „Appeaser“ Melek als ihren Anführer akzeptieren würden, war zu erwarten. Konkurrenz, mögliche Erbfolgekriege – all das wird im Roman glücklicherweise behandelt, kommt am Ende aber zu kurz. Wie gern hätte man mehr darüber erfahren!
Wie gesagt, eine abschließende Bewertung fällt mir äußerst schwer. Sowohl als Fortsetzung von WC III wie auch als Anknüpfung an „Die Geheimflotte“ („Fleet Action“) macht FC eigentlich alles richtig. Fast alle bekannten Figuren aus Forstchens Romanreihe tauchen – sofern noch am Leben – wieder auf. Die Nachkriegszeit mit ihren Auswirkungen auf das Leben von Berufssoldaten erwacht zum leben und wird sehr glaubwürdig geschildert. Dieser Auftakt einer Nachkriegs-Romanreihe im Wing Commander-Universum kann als durchaus gelungen bezeichnet werden, denn man möchte sofort wissen, wie es weitergeht, auch wenn die Ereignisse von WC IV längst bekannt sind. Ein großes Lob spreche ich den Autoren auch dafür aus, die Kilrathi nach der Vernichtung Kilrahs als Bedrohung nicht einfach aufgegeben zu haben, da mich dieser Zug in WC IV doch etwas enttäuscht hatte. Mein weinendes Auge blickt jedoch auf die unabänderliche Tatsache, dass die einmal möglicherweise geplante Geschichte niemals geschrieben bzw. verlegt werden wird. Und hier überwiegt nun einmal die bittere Enttäuschung, die ich dem Roman selbst zwar nicht unmittelbar vorwerfen kann, die aber letzlich doch auf ihn zurückfällt. Zumindest, was die mögliche Empfehlung desselben betrifft.

Entsprechend rate ich: Des Englischen mächtige Sammler und WC-Romanfans, die sich „False Colors“ zu einem Preis von weniger als 10 Euro anschaffen können, sollten zuschlagen. Als de facto bloßes Fragment einer größeren Story um das Landreich, die Kilrathi und Admiral Tolwyn ist er für alle anderen WC-Fans aber kein Pflichtkauf. Abseits der politischen Verschwörungen und Schachzüge kann die vordergründige Handlung um die Inbesitznahme eines verlassenen Kilrathi-Trägers sowie seines ersten Kampfeinsatzes doch nur bedingt unterhalten. Nach einem vielversprechenden Anfang verliert der Roman bei diesem Plot viel zu sehr an Tempo, und es geschieht schlicht zu wenig in der Erzählzeit von immerhin 300 Seiten, bevor endlich etwas Bewegung in die Sache kommt. Während man eigentlich brennend darauf wartet, mehr über die vielen Hintergründe zu erfahren, wird man am Ende nur mit etwas vordergründigem Krachbumm abgespeist, das darüber hinaus doch recht vorhersehbar war.
Im Nachhinein fällt auf, dass die Entwickler und Autoren von WC Saga viele Kleinigkeiten aus „False Colors“ übernommen haben bzw. davon inspiriert wurden. Einige Schiffs- und Jägerklassen von FC fanden jedenfalls Einzug in das Saga-Arsenal - besonders bei den Kilrathi. So wurde ein im Roman auftauchender Geleitträger der Kilrathi namens KIS Dubav zum Pate einer ganzen Klasse leichter Träger gemacht. Auch wird die ECM-Version der Vaktoth (Zartoth) dort zum ersten Mal offiziell erwähnt. Große Trägerschiffe tauchen hier nicht auf, wenn man mal von der Karga absieht. Keith und Forstchen bleiben auch hier den von früher bekannten Geleitträgern der Wake-Klasse treu, die ja auch hervorragend in das Arsenal der Randkolonien passen. Das zentrale Schiff der Story, die ehemalige KIS Karga, wird zwar als Bhantkara-Klasse bezeichnet, jedoch mit zwei Flugdecks anders beschrieben als die Schiffe dieses Typs, die wir aus WC III und WCS kennen.

Fazit

Lesenswert, aber nicht um/zu jedem Preis. Sollte es eine Fortsetzung geben, bin ich sofort dabei. Dann gerne auch wieder auf Englisch, wenn sich kein deutschsprachiger Verleger finden sollte. Ansonsten bleibt "False Colors" leider ein Roman mit eingebauter Ernüchterung. Sechs von zehn Punkten.
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"Ich würde immer eine Maschine bevorzugen, die um einen schweren Jäger Kreise fliegen kann, wenn es sein muss.“
Alec "Ninja" Crisologo, Wing Commander Saga